Weltgericht

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Es lebte einst, so berichtet die Legende, ein Mann mit Namen Johannes. Johannes war ein Jünger Jesu Christi und einer der Apostel. Und es war jener Johannes, der das Ende der Welt sah. Die allgemeine Ansicht war, soweit es mir bewusst ist, zu dieser Zeit, dass die Erde eine Scheibe sei, doch war es nicht der Rand dieser Scheibe, den Johannes erblickte, es war der Untergang all dessen, was irdisch ist.

Ich spreche von der Apokalypse. Für die Allgemeinheit sei an dieser Stelle noch einmal dargelegt, dass die Apokalypse keineswegs der Weltuntergang selbst ist. Apokalypse heißt auf Deutsch nichts anderes als Offenbarung. Und über diese Offenbarung, über die Apokalypse des Johannes, machte ich mir heute ein paar Gedanken.

Die Worte „Apokalypse des Johannes“ machen zwei Dinge deutlich. Einerseits dürfte es wohl mehr als die eine Apokalypse geben (oder gegeben haben). Andererseits müsste spätestens hier klar sein, dass der gute alte John (wie er im englischen Sprachraum genannt wird) die Welt mit ziemlicher Sicherheit nicht untergehen ließ.

Was also sah Johannes? Ich will ihn hier nicht komplett wiedergeben. Wer den Text lesen will, sei auf die Bibel (Offenbarung des Johannes) verwiesen. Aber ich fasse den Text kurz zusammen:

Engel stoßen in ihre Hörner, Siegel brechen und vier Reiter (ich erwähnte sie schon früher: http://www.gdnobds.de/toooood/) kommen auf die Erde. Ein Engel kämpft mit dem Drachen und wirft ihn in den Abgrund der Hölle. Deckel drauf, Siegel anbringen, eintausend Jahre Ruhe und Frieden. Nach den 1000 Jahren muss der Drachen, der in der christlichen Überlieferung mit dem Teufel gleichgesetzt wird (Offenbarung 20,2), noch einmal kurz freigelassen werden, damit er endgültig besiegt werden kann.

Diese Zusammenfassung ist freilich sehr, sehr knapp, aber sie erfüllt ihren Zweck. Denn es stellt sich mir die Frage, wie es denn nun wirklich ist. Ist diese Offenbarung so haltbar, wie sie geschrieben steht?

Um meine Gedanken verständlicher zu machen, muss ich noch kurz einen linguistischen Exkurs machen. Es geht um den – vielmehr einen – Namen des Teufels. Es geht um den Satan. Satan ist ein Wort mit hebräischen Wurzel, dessen Bedeutung im Allgemeinen als „Feind“ hingestellt wird. Dies deckt sich prima mit der Sicht der Kirche. Der Teufel ist das Böse schlechthin, er ist der Feind. Wir sollten aber nicht die zweite, eigentlich interessantere Bedeutung des Namen Satan aus den Augen verlieren: ANKLÄGER

Schaue ich mir die Bibel an, kommt die Bedeutung des Anklägers immer wieder zum tragen. Hiob ist ein Beispiel. In Absprach mit Gott versucht der Teufel Hiob und als dieser von seinem Glaube an Gott dennoch nicht abrückt, fällt das Urteil zu Hiobs Gunsten.

Stehen wir einst vor Gottes Gericht, so ist es alttestamentarischer Überlieferung nach Satan, der vor Gott unsere Sünden verliest. Wenn also Satan der „Staatsanwalt Gottes“ ist, kann er dann vor dem Weltgericht in den Abgrund geworfen werden?

Ich behaupte, das geht nicht. Wenn über uns alle gerichtet werden soll, muss ein Ankläger vor Ort sein. Wie also müsste das Ende der Welt aussehen? Wie muss ich mir das große Richten vorstellen?

Die Welt ging in Feuer, Pech und Schwefel – oder in einem Angriff Außerirdischer – unter. Ich sitze im großen Wartesaal, blättere im aktuellen „PlayAngel“ und harre darauf, vor den Thron des HERRN gerufen zu werden.

„Nr. 37.896.345.728 bitte!“

Das ist meine Nummer. Da nicht nur die zum Zeitpunkt des Unterganges am Leben gewesenen sondern auch die früher verblichenen Menschen gerichtet werden, geht das nur mit Wartenummern. Ich lege den „PlayAngel“ weg, werfe noch einen letzten verstohlenen Blick auf den Coverengel und trolle mich in den Saal des großen Gerichts.

„Selbst hier liest Du also Schundhefte!“

„Hä?“, sage ich verwundert, meinen Kopf dem Eigentümer der Stimme zuwendend, die mich gerade tadelte. Der Mann ist rot im Gesicht, Hörner stehen auf seiner Stirn. Seine Anwaltsrobe offenbart, dass er darunter einen sündhaft teuren Anzug trägt. Ah! Das muss Satan sein.

„Das Heftchen mit den nackten Engeln, das Du im Wartesaal in Deinen Händen hieltest!“

„Nur wegen der Artikel“, antworte ich. Weshalb soll man dieses Magazin sonst lesen? Und warum liegt es im himmlischen Gerichtswartesaal aus, wenn das Lesen dieses Presseerzeugnisses nicht erwünscht ist?

„Hmmm!“, brummt mein Ankläger.

„Verstehe“, sagt eine Stimme, die ich im Augenblick niemandem zuordnen kann. Ich wende mich der Stimme zu und sehe einen leeren Thron. Klar, was habe ich erwartet? Einen alten Mann mit Rauschebart? Wir reden immerhin von Gott, von dem man sich kein Bild machen soll, nicht von St. Nikolaus.

Eine Pause entsteht.

„Fahrt fort!“, verlangt die körperlose Stimme. „Es warten noch andere dort draußen.“

Satan nickt und entrollt ein Pergament.

„Alles handschriftlich?“, frage ich erstaunt. Eigentlich hätte ich modernste Technik erwartet. Wenn wir Menschen in unserer Beschränktheit hochleistungsfähig Computer schaffen konnten, sollte doch im Himmel noch bessere Technik zu finden sein. Oder man hat sich bewusst für die alte Tradition entschieden.

„Alles handschriftlich“, bestätigt der Ankläger. „War eine Menge Schreibarbeit.“

„Insgesamt oder meinetwegen?“

Ich bin nur neugierig. Vielleicht kann ich aber auch ein bisschen ablenken oder einfach einen guten Eindruck machen, um das Strafmaß zu reduzieren.

„Sowohl als auch“, antwortet der Gehörnte.

„Dann sollten wir wohl beginnen. Sie haben noch eine Menge zu tun, glaube ich.“

Satan nickt und beginnt:

„Keine Kirchenbesuche.“

„Das ist so nicht richtig“, entgegne ich. „Zumindest Weihnachten war ich in der Kirche, auch wenn es für mich eher Tradition als Glauben war. Ich war aber überzeugt, dass es für Gott, wenn es ihn gibt, nicht wichtig ist, ob ich in ein von Menschenhand geschaffenes Haus einer von fehlbaren Menschen gegründeten Gruppierung gehe. Für ihn war meiner Meinung nach wichtig, dass ich ein guter Mensch bin.“

„Verstehe“, sagt die körperlose Stimme.

„Blasphemie“, fährt der Ankläger fort.

„Blasphemie?“

„Selbst hier“, erklärt der Mann in der Robe, „stellst Du die Lehren der Kirche in Frage. Und auf der Erde? Du schriebst Gedichte, die den Teufel zum Helden und Gott zum Antagonisten machten. Ist das keine Blasphemie?“

„Nach streng kirchlicher Auslegung sicherlich. Doch darf ich hierzu anmerken, dass meine Gedichte der Unterhaltung dienen und die Menschen zum Nachdenken anregen sollten. Und was die kirchliche Auslegung betrifft, verweise ich noch einmal darauf, dass diese von Menschen diktiert wurde und Menschen sind fehlbar. Außerdem war ich nie Mitglied der Kirche. Ich bitte also um Prüfung, ob kirchliches Recht auf meinen Fall angewendet werden kann.“

„Es kann und es wird“, gibt Satan zurück.

„In diesem Fall“, werfe ich ein, mich an die vielen Folgen „Boston Legal“ erinnernd, „lehne ich den anwesenden Richter wegen Befangenheit ab. Gott ist persönlich emotional in diese Angelegenheit involviert und es ist anzuzweifeln, dass das Urteil objektiv ausfällt und mit der nötigen Neutralität gefällt wird.“

Satan läuft rot an. Er bekommt einen so roten Kopf, dass man dies trotz seines natürlichen Teints erkennen kann.

„Verstehe“, sagt die Stimme ohne Körper erneut. Eine peinliche Pause voller Schweigen entsteht, bis die Stimme schließlich fortfährt: „Gabriel wird den Vorsitz halten.“

„Bei allem Respekt, oh HERR“, entfährt es mir, noch bevor ich mir des Gedankens bewusst bin, „ich halte Gabriel genauso wenig für unbefangen wie jeden anderen Engel oder Deinen Sohn. Ihr seid letztlich alle emotional involviert.“

„Stimmt“, murmelt die Stimme.

Es gibt eine weitere Pause. Satan blickt verwirrt von mir zum Thron und vom Thron zu mir.

„Wie bekennst Du Dich bisher?“, fragt die Stimme.

„Schuldig“, erkläre ich nach kurzem Nachdenken. „Letztlich sind es unumstößliche Fakten, was ich tat und was ich nicht tat. Sollte vorgetragen werden, dass ich nackte Frauen ansah, so ist dies auch ein Fakt und ich kann ihn nicht aus der Welt räumen. Ich trank Alkohol, ich rauchte und ich genoss immer mal wieder das süße Nichtstun. Kirchlicher Lehre nach sündhaft. Was sollte ich dagegen vorbringen?

Ich zog die Dinge in Frage, die von Gott gelehrt werden sollten. Ich widmete mich den Dingen, die beweisbar waren. Schuldig. Kommt noch etwas?

Zwei Fragen sind zu klären“, fuhr ich fort, mein Plädoyer zu halten. „Was hat der Ankläger auf der anderen Seite FÜR mich vorzubringen? Trennte ich den Müll, um die Umwelt zu schonen? Erfreute ich die Menschen mit meinen Worten? Liebte ich wahrhaft und ehrlich? Wie ist all dies gegen die Sünden zu gewichten?

Und zweitens: Wir Menschen sind freien Geistes geboren. Wie weit sind unsere aus freiem Geist geborenen Taten gegen uns zu richten von dem, der uns den freien Geist gab? War, was ich tat, nicht eine direkte Folge der Schöpfung?

Dies, hohes Gericht, dies, oh HERR sollte bei der Urteilsfindung unbedingt beachtet werden.“

Es entsteht eine weitere Pause.

„Hölle“, lautet schließlich das Urteil. „Du siehst nicht aus wie jemand, der den ganzen Tag Harfe spielen möchte. Du kannst nicht einmal Harfe spielen. Ich weiß das. Außerdem trampelst Du Tollpatsch hier oben bestimmt immer auf die Blumen oder zertrümmerst die Fensterscheiben mit Deinem Federball. Oder haust anderen ständig Deine Flügel ins Gesicht. Es gibt da unten ein schönes Appartement mit Meerblick. Ich glaube, Du fühlst Dich dort wohl.“

Ich nicke und verabschiede mich.

Und was soll ich sagen? Als ich am Abend mein Appartement verlasse und in die Bar um die Ecke gehen, sehe ich Satan am Tresen sitzen. Neben ihm lümmelt ein junger Mann in Sandalen, mit langem Haar und sauber gestutztem Bart. Beide halten ein frisch gezapftes Feierabendbier in der Hand.

„Der vorletzte hat Dich ganz schön aus dem Konzept gebracht, was?“, sagt der junge Mann lächelnd zum Ankläger.

„Kannste laut sagen, Junior“, antwortet der Teufel. „Da ist er ja!“

Er winkt mich an die Bar, ordert ein Bier für mich und zeigt auf den jungen Mann in Sandalen.

„Darf ich Dir Jesus vorstellen? Jesus, das ist …“

 

Auf dem Weg zur Bar um die Ecke ...

Auf dem Weg zur Bar um die Ecke …

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