Juristische Verquickungen

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Es ist eine Weile her, da analysierte ich die Durchführbarkeit eines amtlich anerkannten Weltunterganges. Erinnern Sie sich? Ich stellte fest, dass der Weltuntergang schwierig wird. Und doch wird er kommen. Zu viele Propheten sagten ihn in der einen oder anderen Form voraus. Nostradamus, James Cameron…

Der Weltuntergang wird früher oder später kommen. Es ist keine Frage des Ob sondern eine Frage des Wann. Bei so vielen Vorhersagen und Visionen muss statistisch betrachtet wenigstens eine zufällig richtig sein.

Doch was geschieht nach dem Weltuntergang?

Ich kenne mich nicht wirklich aus. Der in Europa und Nordamerika am weitesten verbreiteten monotheistischen Lehre nach kommt nach dem Weltuntergang das Jüngste Gericht ™. Und just hier wird es die nächsten Probleme geben. Denn wie der Weltuntergang in verschiedenen Kulturen unterschiedlich stattfindet (wenn er in der jeweiligen Kultur überhaupt hindernisfrei möglich ist), muss sich auch das Jüngste Gericht ™ den jeweiligen Gepflogenheiten anpassen.

Natürlich ist eine Beweisführung für meine folgenden Aussagen im Vorfeld des tatsächlichen Stattfindens der apokalyptischen Begebenheiten schwer möglich. Bitte betrachten Sie das Folgende daher als Hypothese, deren Beweis oder Widerlegung zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen wird.

Das Jüngste Gericht ™ ist eine aufwändige Angelegenheit. Es leben immerhin ca. 7 Milliarden Menschen auf der Erde. Um das Verfahren abzukürzen wird nicht über jede einzelne Person Gericht gehalten. Man entschließt sich, nationenweise vorzugehen. So kann man im Einzelfall ein Siebentel der Weltbevölkerung in einem Rutsch aburteilen.

Beginnen wir mit den…

USA

In den vereinigten Staaten von Amerika geht natürlich alles einen strengen juristischen und nach amerikanischem Verständnis demokratischen Gang. Das amerikanische Jüngste Gericht ™ ist natürlich ein Geschworenenprozess. Eine Jury aus 12 weiblichen und männlichen Personen urteilt über Schuld oder Unschuld der Amerikaner. Aber wer stellt die Jury?

Zunächst werden zweckdienlicher Weise zwölf Engel als Geschworene ausgewählt. Ebenso erhält Amerika einen himmlischen Pflichtverteidiger, ein gewisser Alan S. aus Boston, Rechtsanwalt, und der Seniorpartner der Kanzlei, ein Denny C. erheben jedoch Einspruch gegen die Zuteilung des Pflichtverteidigers. Da sie studierte Juristen sind, erbieten sie sich selbst als Vertreter des amerikanischen Volkes und übernehmen die Verteidigung sogar pro bono. Für das Gute. Also für lau.

Der Ankläger erhebt zunächst Einspruch, da dem Angeklagten aber grundsätzlich ein Anwalt eigener Wahl zusteht, hat er keine Chance.

Die Anwälte S. und C. beantragen eine Vertagung der Verhandlung, um sich auf den Prozess in genügendem Maße vorbereiten zu können. Sie nehmen Einsicht in die Akten der Staatsanwaltschaft – es steht ihnen dies nach amerikanischem Recht zu – und lehnen sechs der zwölf Geschworenen ab. Das Argument der Verteidigung ist die mögliche Befangenheit der Engel Gottes. Da Geschworene aus anderen Religionen aber keine ausreichende Sachkenntnis mitbringen, um die eventuellen Verfehlungen der Amerikaner vor dem Kontext ihrer Religion einschätzen zu können, einigt man sich schließlich, die Hälfte der Jury mit Gefallenen zu besetzen.

Am ersten Prozesstag verliest die Anklagevertretung eine lange Liste. Kriege, Sklaverei, Brudermord…

„Brudermord?“, fragt Alan S. eloquent dazwischen. „Sie wollen uns doch nicht für die Geschichte mit Kain und Abel zur Verantwortung ziehen! Das war lange vor unserer Zeit und möglicherweise nicht einmal ein Mord. Der Vorsatz fehlte.“

Der Ankläger lächelt erfreut. Er mag Anwälte. Eine namhafte Zahl seiner Gäste gehört diesem Berufsstand an.

„Haarspalterei“, sagt der Ankläger nur kurz und fährt fort. Die amerikanische Nation habe Völkermord begangen, indem man den roten Mann und dessen Frau und Kinder in die ewigen Jagdgründe geschickt habe. Sie habe Menschen das Recht auf ein freies Leben abgesprochen…

„Einspruch!“, ruft Denny C. „Nicht die Amerikaner habe die Sklaven nach Amerika verschleppt. Das waren die Briten. Und die Indianer? Wir gaben ihnen Land, auf dem sie leben konnten.“

Der aufmerksame Leser mag dem entgegenhalten, dass die Indianer schon vor dem Eintreffen des weißen Mannes Land hatte. Der Ankläger tut dasselbe.

„Dennoch“, wirft Alan S. ein, „ist den Angeklagten zugute zu halten, dass sie das gegenseitige Morden zwischen den Indianerstämmen unterbanden, indem sie sie voneinander trennten.“

Der Ankläger, die Jury und der Richter blicken auf.

„Ich bin nicht auf alles stolz, was im Namen der Freiheit des amerikanischen Volkes getan wurde“, erklärt Rechtsanwalt S., „aber es ist meine Aufgabe, das amerikanische Volk als dessen Anwalt nach bestem Wissen und Gewissen zu vertreten. Deshalb sollte der genannte Fakt unter allen Umständen Berücksichtigung finden.“

Die Jury macht sich Notizen.

„All die Fehler, die wir machten“, führt Alan S. ein frühes Plädoyer, „machte unsere große Nation, als sie noch ein Kind war. Wir wussten es nicht besser, als wir Sklaven hielten. Wir wussten es nicht besser, als wir die Indianer vertrieben. Aber wir lernten. Die Indianer dürfen Kasinos betreiben und ein Farbiger wurde sogar Präsident. Meine Damen und Herren Geschworenen, urteilen Sie nicht wegen vergangener Fehler! Urteilen Sie wegen dessen, was aus uns wurde!“

Die Beratung der Jury dauert zur Stunde noch an. Alan S. und Denny C. wurde ihrer Selbstlosigkeit, das amerikanische Volk pro bono zu vertreten, vorzeitig in den Himmel entlassen.

 

Gehen wir nun nach…

Italien

Der italienische Prozess erscheint zunächst diffizil. Es gibt viele gläubige Katholiken in Italien. Viele davon sind auch gute Menschen. Es gibt aber auch die Mafia, deren Taten… Sagen wir, die Taten waren moralisch zweifelhaft.

Wie soll man nun entscheiden? Was überwiegt? Das Gute oder die Mafia?

Nun, der Prozess ist kurz. Die Paten von Neapel und Palermo machten dem Richter ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte.

 

Großbritannien

Die Queen will sich natürlich selbstlos stellvertretend für ihr Volk dem Gericht stellen. Die Queen liebt ihr Volk und für diese Selbstlosigkeit liebt das Volk seine Queen. Die Schotten aber halten vorher ein Referendum und entscheiden sich für eine Abspaltung vom Rest des Vereinigten Königreiches.

Nach einer mehr oder weniger langen Verhandlung urteilt der Große Richter:

  1. Die Abspaltung Schottlands ist rechtswidrig.
  2. Die Briten haben im Laufe der Geschichte eine Menge unschöner Dinge getan. Sie haben Indien unterjocht, sich in China breit gemacht und vieles mehr. Aber sie hatten unter den Römern und den Angeln und Sachsen und später den Deutschen so viel zu leiden, dass ihnen der Eintritt in den Himmel gegen die Zahlung einer Gebühr von 10 Pfund (ermäßigt 8,50 Pfund) gewährt wird.

Die Schotten warten immer noch im Transitbereich.

Die Schwaben warten im Raum nebenan.

Was uns zur letzten Nation dieser hypothetischen Analyse bringt:

 

Deutschland

Auch gegen die deutsche Nation ist es ein ambivalenter Prozess. Der Deutsche aber wehrt sich.

Als allererstes zweifelt der Deutsche die Rechtmäßigkeit des Jüngsten Gerichts ™ an, denn er sieht keine gesetzliche Ermächtigung für einen postapokalyptischen Strafprozess. Nicht das Strafgesetzbuch liefert einen Ansatz für diese Verhandlung, nicht sonst ein Gesetz.

Als zweites zieht der Deutsche die Zuständigkeit des Jüngsten Gerichts ™ in Zweifel. Die gerichtlichen Zuständigkeiten sind klar und deutlich geregelt. Das Jüngste Gericht ™ wird nicht erwähnt.

In der dritten Phase der Verteidigung erhebt der Deutsche Anklage gegen die Reiter der Apokalypse wegen vorsätzlicher Brandstiftung und Sachbeschädigung.

In der Folge dessen muss der Weltuntergang rückgängig gemacht werden. Die Welt wird wieder aufgebaut und das Leben geht weiter.

Und dies wiederum lässt eine weitere These zu: Die Welt ging schon unter. Wir haben nur das Jüngste Gericht ™ verschlafen und nichts davon mitbekommen.

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